Die letzten Tage habe ich verstärkt über gelesene Bücher und geschriebene Texte nachgedacht und die Wirkung, die sie auf mich hatten und haben.
Patricia Highsmith, die übrigens am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich (in einem früheren Jahr), hat schon als Achtjährige in ihrem Elternhaus das Buch „The human mind“ des Psychiaters Karl Menninger entdeckt und war fasziniert von seiner Typologie psychischer Störungen. Ich kann mir das sehr gut vorstellen und war auch direkt angesteckt und habe ebenfalls angefangen, das Buch zu lesen. Es enthält viele Fallberichte, die exemplarisch zur Beschreibung einer Persönlichkeitsstörung dienen. Auf diese Weise wurde vielleicht der talentierte Mr. Ripley geboren.
Natürlich erinnere ich mich nicht an alle Bücher, die mich vielleicht geprägt haben, aber doch an einige aus meiner Kindheit, die ich wieder und wieder gelesen habe. Das waren „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, „Die grüne Wolke“ von A.S. Neill, „Addie Pray/Paper Moon“ von Joe Brown, „Das Ei und Ich“ von Betty McDonald und noch viele mehr, die ich nicht ganz so oft gelesen habe.
Im Erwachsenenleben habe ich keine Dauerbrenner solchen Ausmaßes, nur Bücher, die ich gern mehrmals lese, bestimmte Autor:innen, die ich besonders mag.
Es gibt auch Bücher, die ich nur „gezwungenermaßen“ für den Unterricht gelesen habe, die mir dann aber ganz überraschend ans Herz gewachsen sind, „Effi Briest“ war so ein Fall und „Irrungen, Wirrungen“ und manche Barockliteratur.
Diese Art Lesen, literarisches Lesen, unterscheidet sich grundsätzlich vom Lesen philosophischer und theoretischer Texte, von denen mir manche durch intensive Beschäftigung auch sehr nahe gekommen sind, wie Max Webers „Wirtschaft und Gesellschaft“, „Das Heilige“ von Rudolf Otto, „Höfische Kultur“ von Joachim Bumke, die gute alte „Metaphysik der Sitten“ und andere. Ich neige dazu zu sagen, dass ich an diesen Büchern eher die Gedanken faszinierend fand als die Worte (bei Kant trifft das auf jeden Fall zu), aber bei längeren Nachdenken stimmt das eigentlich nicht; ich kann Max Webers Konzepte nicht von seinen Worten trennen und „Das Heilige“ hätte mich vielleicht in anderen Worten gar nicht angesprochen. Die „Höfische Kultur“ ist eine tolle Geschichte voller Bumkeschem Humor, sonst hätte ich sie womöglich kaum in Erinnerung behalten.
All diese Bücher und viele ungenannte sind Teil meiner Identität. Auch bestimmte Filme, Serien, Musikstücke, Bilder sind Teile von mir geworden, das ist ein Thema für einen anderen Tag. Ich bin ein Netz, ein großes Gewebe aus diesen Teilen und sehr vielen weiteren wie Erlebnissen, Begegnungen, Beziehungen, Erfahrungen. Und dieses Gewebe wird zusammengehalten von meinen Gedanken, die ich mir über all das mache und es verändert sich immer wieder aufs Neue.