Montag, 7. September 2026

Am 7. September 2026/ Kleine Schnecke

 Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat eine rechtsextreme Partei zur Mehrheit und wahrscheinlich an die Macht gebracht.

Ich bin erschüttert und trauere gemeinsam mit ostdeutschen Freundinnen aus dem Internet.

Gleichzeitig geht das Leben weiter, Gottseidank, und ich bin dankbar für meine Lieben und mein Leben und die Immuntherapie, die mir das ermöglicht.

Ich versuche jeden Tag auszuschöpfen, mich nicht zu überlasten, aber auch nicht übermäßig zu „schonen“ und mir dadurch viel Gutes zu nehmen. Ja, ich bin beeinträchtigt, aber ich kann trotzdem fast alles tun, was ich möchte und was mir wichtig ist, wenn auch nicht in dem Tempo oder Ausmaß wie gesunde Menschen.

„Ja, kleine Schnecke

besteige den Berg Fuji,

Aber langsam, langsam!“

(Issa)

Dieses Haiku habe ich durch das Qi Gong kennengelernt und es ist mittlerweile zu meinem Leitsatz geworden. 

Für mich ist eine große Herausforderung durch die Erkrankung nicht nur die (durchaus traumatische) Erfahrung von Diagnose, Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapie, sondern das Erlebnis, dass das bisherige Leben unwiderruflich vorbei ist, der Beruf, der Bekanntenkreis, der Alltag, das Gefühl einer weiten Zukunft, die Kraft, alles Mögliche an einem Tag und in großem Ausmaß schaffen zu können. Wenn ich etwas vorhabe, plane ich genau, wie komme ich hin, wie zurück, was kann ich heute körperlich bewältigen. Alle Verabredungen treffe ich unter Vorbehalt. Ich mache so wenige Termine wie möglich und nie mehr als einen am Tag. Ich siebe: was ist mir so wichtig, dass ich es heute machen will. Im Zweifelsfall ist es immer das Zusammensein mit meiner Frau und die Spaziergänge mit unseren Hunden.

Ich kämpfe um meine Selbstbestimmung. Das Ungleichgewicht in meiner Beziehung fordert mich, das betrifft alltägliche Lasten und Erledigungen genauso wie finanzielle Ungleichheit. Durch die Krankheit bin ich elf Jahre vor dem regulären Renteneintritt erwerbsunfähig und beziehe Erwerbsminderungsrente. Vorher hatte ich eine gute Position mit entsprechendem Verdienst. Auf der anderen Seite ist es eine große Erleichterung, nicht mehr arbeiten zu müssen, mich nicht mehr krank melden zu müssen, meine Tage selbst gestalten zu können (na ja, fast, denn natürlich trage ich Verantwortung für das Wohlergehen meiner Hunde, aber das habe ich mir ja selbst ausgesucht).

Die Fatigue ist weniger geworden, wenn nötig, schlafe ich zwei Stunden am Tag, aber es ist nicht mehr jeden Tag nötig. Nach der Infusion alle drei Wochen bin ich zwei bis drei Tage so müde, dass ich die meiste Zeit schlafe und nichts unternehmen kann. Ich habe eine Herzschwäche durch ein Krebsmedikament bekommen und habe dauerhaft eine Harnleiterschiene, die alle fünf Monate gewechselt wird. Ich bin 100% schwerbehindert mit Merkzeichen G. 

Trotz alledem würde ich heute sagen, es geht mir gut. Ich lebe ein erfülltes Leben mit vielen Möglichkeiten. Aber langsam, langsam :)







Mittwoch, 10. Juni 2026

Lesen bei Regen

 Das Wetter ist ungewöhnlich kalt und regnerisch für Juni. Ich bin trotz warmer Hüllen und Socken froh darüber, denn es ist doch viel angenehmer als die Affenhitze der letzten Jahre. Die Zeit scheint auch langsamer zu vergehen, der Tag mehr Stunden zu haben, infolgedessen lese ich viel. Abends zum Einschlafen einen harmlosen Fantasyroman auf dem Kindle, tagsüber zurzeit - in kleinen Dosen, denn es ist keine ganz leichte Kost - „Die Philosophie der symbolischen Formen“ von Ernst Cassirer. Den habe ich über einen meiner krausen Gedankengänge entdeckt, der wiederum ausgelöst wurde von Jasmin Schreibers Artikel über den Wald, gefunden auf Mastodon, den ich überaus interessant fand und der bei mir viele Puzzleteile verbunden hat. Wie ich schließlich auf Cassirer kam, kann ich schon jetzt kaum noch nachvollziehen, es hatte aber etwas mit Religionsphilosophie und meinem Interesse daran zu tun.

Cassirer beschäftigt sich im ersten Band mit Sprache, im zweiten mit mythischem Denken und im dritten mit der Phänomenologie der Erkenntnis. Letzteres ist eigentlich nicht so meine Sache, ist mir aber dadurch, dass ich es unterrichten musste, näher gekommen und jetzt hoffentlich verständlich. Alle drei sind für Cassirer verschiedene symbolische Formen, die gleichwertig unser Erfahren der Welt vermitteln. Ohne philosophische Grundkenntnisse ist die Lektüre wahrscheinlich kaum zu verstehen, Cassirer setzt viel voraus und gibt keine Beispiele, ich schaffe auf einen Rutsch ungefähr viereinhalb Seiten. Ich empfinde das Lesen aber als sehr lohnenswert und auch inspirierend, ich freue mich sehr, nach längerer Zeit wieder etwas gefunden zu haben, das meine geistige Flamme anzündet. Ich fühle mich lebendig.

Dienstag, 19. Mai 2026

Zwischenstand

 Twoday gibt’s noch, und mein Blog auch! Übrigens, ich finds auch super, dass ich noch lebe.

Um ansonsten die Spannung nicht unerträglich werden zu lassen: CT war erfreulich negativ, der Fahrradhelm zuhause in der Schublade (offensichtlich war ich morgens doch eine Winzigkeit aufgeregt).

Das Herumlesen in meinem alten Blog war unfassbar schön und rührend. Vieles hatte ich vergessen. Ich bin mir selbst wieder begegnet.

Mittwoch, 22. April 2026

April-CT

 Heute war es mal wieder soweit: das halbjährliche CT war fällig. Erstaunlicherweise war ich nicht so durch den Wind in den vergangenen Tagen wie die letzten Male, sondern ziemlich unbeeindruckt.

Trotzdem habe ich heute Morgen meinen Fahrradhelm nicht gefunden und im Strahleninstitut jeden danach gefragt, weil ich ernsthaft dachte, ich hätte ihn im Oktober (!) dort vergessen. Ich fuhr also ohne und traf auf dem Weg noch zwei Hundebekannte. Seit wir vor achtzehn Jahren Hunde bekommen haben, kennen wir quasi das ganze Veedel. Vorher haben wir auch schon fünfzehn Jahre hier gewohnt, kannten aber außer den anderen Hausbewohnern praktisch niemanden. 

 Ansonsten lief alles reibungslos, ich wurde für den Zugang nur einmal vergeblich gestochen. Handgelenk ging.


Das Ergebnis ist hoffentlich schon heute Abend online, je länger ich darauf warten muss, desto nervöser werde ich.

Zurück zu Hause kam gerade das Kröt während einer Freistunde, fand meinen Fahrradhelm, und wir konnten gemeinsam bei strahlendem Sonnenschein mit den Hunden in den Park gehen. Alles ist schon grün und viele Bäume haben die Blüte schon hinter sich.

Sonntag, 5. April 2026

Leseerlebnisse

 Die letzten Tage habe ich verstärkt über gelesene Bücher und geschriebene Texte nachgedacht und die Wirkung, die sie auf mich hatten und haben.

Patricia Highsmith, die übrigens am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich (in einem früheren Jahr), hat schon als Achtjährige in ihrem Elternhaus das Buch „The human mind“ des Psychiaters Karl Menninger entdeckt und war fasziniert von seiner Typologie psychischer Störungen. Ich kann mir das sehr gut vorstellen und war auch direkt angesteckt und habe ebenfalls angefangen, das Buch zu lesen. Es enthält viele Fallberichte, die exemplarisch zur Beschreibung einer Persönlichkeitsstörung dienen. Auf diese Weise wurde vielleicht der talentierte Mr. Ripley geboren.

Natürlich erinnere ich mich nicht an alle Bücher, die mich vielleicht geprägt haben, aber doch an einige aus meiner Kindheit, die ich wieder und wieder gelesen habe. Das waren „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, „Die grüne Wolke“ von A.S. Neill, „Addie Pray/Paper Moon“ von Joe Brown, „Das Ei und Ich“ von Betty McDonald und noch viele mehr, die ich nicht ganz so oft gelesen habe. 

Im Erwachsenenleben habe ich keine Dauerbrenner solchen Ausmaßes, nur Bücher, die ich gern mehrmals lese, bestimmte Autor:innen, die ich besonders mag.

Es gibt auch Bücher, die ich nur „gezwungenermaßen“ für den Unterricht gelesen habe, die mir dann aber ganz überraschend ans Herz gewachsen sind, „Effi Briest“ war so ein Fall und „Irrungen, Wirrungen“ und manche Barockliteratur.

Diese Art Lesen, literarisches Lesen, unterscheidet sich grundsätzlich vom Lesen philosophischer und theoretischer Texte, von denen mir manche durch intensive Beschäftigung auch sehr nahe gekommen sind, wie Max Webers „Wirtschaft und Gesellschaft“, „Das Heilige“ von Rudolf Otto, „Höfische Kultur“ von Joachim Bumke, die gute alte „Metaphysik der Sitten“ und andere. Ich neige dazu zu sagen, dass ich an diesen Büchern eher die Gedanken faszinierend fand als die Worte (bei Kant trifft das auf jeden Fall zu), aber bei längeren Nachdenken stimmt das eigentlich nicht; ich kann Max Webers Konzepte nicht von seinen Worten trennen und „Das Heilige“ hätte mich vielleicht in anderen Worten gar nicht angesprochen. Die „Höfische Kultur“ ist eine tolle Geschichte voller Bumkeschem Humor, sonst hätte ich sie womöglich kaum in Erinnerung behalten.

All diese Bücher und viele ungenannte sind Teil meiner Identität. Auch bestimmte Filme, Serien, Musikstücke, Bilder sind Teile von mir geworden, das ist ein Thema für einen anderen Tag. Ich bin ein Netz, ein großes Gewebe aus diesen Teilen und sehr vielen weiteren wie Erlebnissen, Begegnungen, Beziehungen, Erfahrungen. Und dieses Gewebe wird zusammengehalten von meinen Gedanken, die ich mir über all das mache und es verändert sich immer wieder aufs Neue.

Mittwoch, 25. Februar 2026

Was am Vater gut war

 Mein Vater, der vor18 Jahren gestorben ist, war Alkoholiker, Kettenraucher und hatte eine narzisstische Persönlichkeitsschädigung. Sein Tod war eine Erleichterung für meine Mutter und mich.

Heute habe ich etwas über den neuen Tischtennisfilm „Marty Supreme“, an dem auch Timo Boll mitgewirkt hat, gelesen. Und mir ist etwas wieder eingefallen, das durch und durch positiv war in der Beziehung zu meinem Vater: Er hat mich ungefähr drei Jahre lang intensiv im Tischtennis trainiert, zuhause auf unserem Dachboden. Fast jeden Abend haben wir zwei Stunden gespielt. Er wollte damit nach eigener Aussage wieder eine Beziehung mit mir aufbauen. Das ist ihm gelungen, ich habe es mit Hingabe gemacht. Danach haben wir uns aufs Sofa geworfen, er hat die zweite Hälfte meiner Banane gegessen (ich habe immer nur eine halbe aufbekommen) und wir waren zufrieden und gut gelaunt.

Schöne Nebeneffekte dieser Zeit waren, dass ich im Verein zu spielen begann, an den Wochenenden zu Turnieren fuhr und meine Sportnote sich stark verbesserte.

Eine weitere positive gemeinsame Unternehmung war, dass wir über viele Jahre hinweg zusammen zu einer weiter entfernten Baumschule fuhren, um dort Eriken für den Laden zu holen, ein kleiner Ausflug, der gleichzeitig wichtig war, ich hatte eine Aufgabe und außerdem die Gelegenheit für ausführlichere Gespräche. In diese Reihe gehört auch das gemeinsame Pflanzen im Garten und bei Kunden.

Ein Silberstreif in der Erinnerung.


Samstag, 20. September 2025

Neuer Hund, neues Glück!

 Wir haben ziemlich spontan Familienzuwachs bekommen, ein sieben Monate altes Riesenbaby aus Griechenland.

Wahrscheinlich halten uns alle für bescheuert, aber wir sind- trotz Anfangsstress und Welpenerziehung - glücklich, und die beiden Hunde lieben sich.


Das Baby ist übrigens der hintere Hund.

Sonntag, 1. Juni 2025

Lindenblüte und Hummelschlaf

 Heute habe ich mit dem Hündchen wieder eine etwas größere Runde gemacht. Im großen Park blühen schon die Linden.


Auf den Blättern sah ich schlafende Hummeln und Marienkäfer, leider habe ich sie nicht aufs Foto bekommen.

Außerdem Kirschen!


Ich humpele mittlerweile etwas schneller, muss mich aber immer noch alle paar Meter auf eine Bank setzen. Es wurde schon wieder schwül.


Für den Pfingsturlaub will ich trainieren, schließlich fahren wir ins Sauerland.

Samstag, 31. Mai 2025

Gewitterregen

 Draußen geht nach zwei schrecklich heißen Tagen das ersehnte Gewitter los. Das Jahr war bisher holprig, nicht katastrophal, aber mit allerlei gesundheitlichen Einschränkungen verbunden durch Harnstau, Hautentzündung mit Antibiose und erhöhten Leberwerten und zuletzt einer Bänderdehnung im Knöchel, weswegen ich noch immer humpele. Meine Stimmung war deswegen zeitweise ziemlich schlecht, denn ich hatte jetzt lange Zeit keine Energie oder Möglichkeit, die Hunderunden am Rhein mitzugehen, mit dem Fahrrad zu fahren und am Qi Gong teilzunehmen. Das alles sind aber Tätigkeiten, die ich sehr mag und für mein Wohlbefinden brauche.

Hinzu kam noch, dass das Krötlein auf dem Weg zur Arbeit von einem offensichtlich gestörten Mann vom Fahrrad gestoßen wurde, am Arm operiert und mehrfach genäht werden musste und wir infolgedessen unseren Osterurlaub in Zeeland absagen mussten. 

Jetzt wollen wir über Pfingsten auf einen Bauernhof, genauer gesagt auf eine Alpakafarm. Der Hund wird sich wahrscheinlich fürchten.



Mittwoch, 12. März 2025

Fotos

 Ich erkenne mich auf neueren Fotos nicht wieder. Jedesmal bin ich aufs Neue entsetzt, wie ich aussehe. Noch vor anderthalb Jahren war das anders, inzwischen sehe ich aus wie ein ganz anderer Mensch. Mein Blick ist stets erschreckt, misstrauisch, in die Ferne gerichtet, ich wirke verhärmt, mit tiefen Schatten unter den Augen, das Gesicht eine Hügellandschaft. Nichts Gutes mehr erwartend. Traurig. Enttäuscht.

Montag, 27. Januar 2025

Die Zukunft

 Heute bin ich deprimiert aufgewacht. Ich sehe überall um mich herum Unerledigtes, Stapel von Sachen, die ich schon vor Monaten bei eBay einstellen wollte, zumal ich das Geld für den Urlaub gut gebrauchen könnte. Aber die nötige Anstrengung, das Fotografieren erscheint mir wie ein unüberwindbarer Berg, genauso wie das weitere Ausmisten in der Wohnung und im Hof, ja selbst die Kaffeeverabredung mit dem befreundeten Kollegen. Per E-Mail bekomme ich hausangebote zugeschickt, eins gefällt mir sogar, nur wird mir bei längerem nachdenken klar, dass es dazu nie kommen wird. Es ist wie in dem Song „Lucy Jordan“: „At the age of 37, she realized, she‘d Never Drive through Paris in a sportscar, with the warm Wind in her hair“. Fand ich früher immer schon schrecklich traurig, jetzt fühle ich mich selbst so, ich werde keinen Umzug in ein Haus mit Garten mehr schaffen, das bleibt ein unerfüllbarer Traum. 

Ich weiß, ich muss für vieles dankbar sein, gerade erst hatte ich ein CT mit dem erfreulichen Ergebnis, dass nichts neues aufgetaucht ist, ich habe eine wunderbare Frau und einen tollen Hund, wir haben eine eigene Wohnung und genug Geld zum Leben. 

Aber die Zukunft, das Pläne schmieden, die Vorfreude darauf, das ist mir abhanden gekommen.

Freitag, 22. November 2024

Schwerer Alltag

 Meine Onkologin sagt, ich muss nur noch alle fünf Monate zum CT, da Therapie schlägt an, erfahrungsgemäß gehe es jetzt "einige Jahre " so weiter. 

Das ist nach wie vor eine Riesenerleichterung, auch bei aller Ungewissheit und in Anbetracht der Gesamtsituation. 

Letzte Woche bekam ich den neuen Bescheid von der Schwerbehindertenstelle, ich gelte jetzt als 100% schwerbehindert mit Merkzeichen G und darf kostenlos den Nahverkehr nutzen. 

Auch das ist insofern positiv,  als es mir finanzielle Vorteile bringt, aber  es fühlt sich nicht gut an, eher etwas schockierend (gleichzeitig wundere ich mich fast, dass mich überhaupt noch etwas schockieren kann).

Ich hatte vor zwei Wochen drei Tage hohes Fieber,  lag dann insgesamt zwei Wochen mehr oder weniger im Bett. Jetzt laufe ich wieder herum, bin aber kurzatmig und schaffe keine große Hunderunde. Das deprimiert mich,  mein Krötlein ebenso, und auch das therapiebedingte rapide Altern mit dünnen Haaren, tiefen Augenringen, einem irgendwie eingefallenen, verhärmten Gesicht setzt mir zu. Schöne Anziehsachen, eine gute Frisörin und manchmal etwas Farbe im Gesicht helfen,  aber nur solange,  wie ich nicht versuche,  ein Selfie mit oder ohne Hund zu machen. Der Anblick zieht mir jedesmal den Boden unter den Füßen weg,  vor allem, wenn ich vorher im Bad noch dachte,  heute sehe ich ganz okay aus. Ich bin doch in Wirklichkeit erst sechzig. 

Sonntag, 2. Juni 2024

Es geht besser

Es ist wieder Juni, vor einem Jahr war ich mit meiner kleinen Hündin jeden Abend am Rhein,  bei Blütenpracht und lauer Luft, es war sehr schön und ich erinnere mich gern daran. Der Juni war ihr letzter Monat, sie ist 16 Jahre alt geworden. 

Ich selbst bin jetzt seit über einem Jahr tumorfrei, ich kann es kaum fassen. Langsam bekomme ich das Gefühl, vielleicht doch noch ein längeres Leben zu haben. Körperlich und seelisch geht es mir vergleichsweise gut. Jede Woche gehe ich zum Qi Gong, was wahre Wunder wirkt, abends kann ich dir große Hunderunde mitgehen, und zur Psychotherapie gehe ich nur noch sporadisch,  nach Bedarf.

Die Rentenbewilligung lässt noch immer auf sich warten. Meine Frau hat mir einen Aquarellkasten geschenkt, und ab Oktober bin ich bei der Kunsttherapie angemeldet. Meine Tage sind weiterhin recht kurz- in dem Sinne, dass ich alle drei bis vier Stunden eine längere Ruhepause brauche,  nachmittags muss ich zwei bis drei Stunden schlafen. Insgesamt bin ich aber sehr viel fitter und schaffe es auch meistens noch zu kochen. 

Ich versuche,  mein Leben zu genießen und zu tun,  was mir Freude macht. Sollte der Therapieerfolg anhalten, werde ich mir aber irgendwann überlegen, was für geistige Herausforderungen ich mir suchen könnte. Einstweilen lasse ich mich auf der glücklichen Welle treiben, die ich erwischen konnte. 

Samstag, 18. November 2023

Die Jahre nach den goldenen

Seit dem Jahr 2019 sind für mich die Jahre des Friedens und des Glücks vorbei und nicht wiedergekommen. Es war der Beginn des Endes einer Ära.

Zwei Krebsdiagnosen, Corona-Pandemie, ein Rezidiv und Tod des kleinen kranken Rüden,  Radiochemotherapie, zweites Rezidiv und Tod der kleinen alten Hündin, unheilbare Erkrankung, jetzt Immuntherapie und Rentenantrag. Gleichzeitig Angriffe auf die Ukraine und auf Israel, Klimakrise, wachsender Faschismus. 

Auf der Habenseite die unverbrüchliche Liebe und Unterstützung meiner Liebsten, unsere wunderbare neue junge Hündin, viele zugewandte Hundebekanntschaften, Kolleg:innen,  Nachbar:innen, dass wir nicht im Mangel leben, eine schöne Wohnung haben und gute Versorgung, in Urlaub fahren können. Zwischendrin gibt es immer wieder Zeiten, in denen es mir gut geht, ich etwas unternehmen und mich bewegen kann. 

Aber oft geht eben sehr wenig, eine kleine Hunderunde, fünf Minuten Gymnastik, dann wieder völlige Erschöpfung und Müdigkeit, erst am Abend kann ich eventuell wieder etwas kochen oder noch einmal zu einer Minirunde mit in den Park gehen. Oft habe ich keinen Appetit und/oder mir ist schlecht, mein Bein tut weh oder mein Bauch, ich habe Angst, bin niedergeschlagen, bin traurig. 

Meine Frau ist überlastet, sie arbeitet Vollzeit an einer Schule, sie erledigt alle Haushaltsdinge und Hunderunden, die ich nicht schaffe, will aber trotzdem keine Unterstützung ("keine Fremden in der Wohnung ", "ich geb meinen Hund nicht zu anderen " usw.) und möchte keine Arbeitszeitverkürzung und kein Sabbatjahr. Tja. 

Ich musste mich arbeitslos bei Arbeitsunfähigkeit melden und einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente einreichen und die ganze Bürokratie hat mich sehr gestresst. Gott sei Dank hatte ich von  der Krebsberatungsstelle eine Rentenberaterin empfohlen bekommen, die mir unglaublich schnell, fachkundig und empathisch geholfen hat. Die Krebsberatung ist überhaupt eine sehr gute Anlaufstelle, ich konnte dadurch OTT (onkologische Trainingstherapie) und Qi Gong machen, alles kostenlos und wirklich sehr gut. Leider bin ich im Moment zu schwach, um dort hinzugehen. 

Wir machen Pläne, versuchen,  Linien in die Zukunft zu ziehen, haben ein neues Lastenrad, Urlaub gebucht,  vielleicht kaufe ich mir noch ein Ebike. Aber natürlich ist ein zweiter Hund utopisch, und ich habe eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen. 

Mir ist mittlerweile klar geworden, was die vielen guten Wünsche für "viel Kraft " bedeuten,  am Anfang habe ich das gar nicht verstanden. Die Krankheit und ihre Begleiterscheinungen, die Kollateralschäden, zermürben. 


Donnerstag, 3. August 2023

Ferien im Hochsauerland

 Ein Haus am Waldrand, recht steile Auf- und Abstiege, bei heißem Sommerwetter? Anfangs dachte ich, wie blöd war es eigentlich, so einen Urlaub zu buchen, in meinem Zustand. Wie sich herausstellte, war es eine Goldidee. Wir sind jeden Tag vom Haus aus losgewandert, abends hatte ich über 16000 Schritte auf der Uhr. Die Luft war dünn, klar und kühler als erwartet, die Stille und Dunkelheit nachts grandios. Andere Häuser mit freilaufenden Tieren um uns herum, praktisch keine Autos. In der Umgebung (und in unserem Garten) Walderdbeeren und Himbeeren, Blumen, die ich zuletzt in der Kindheit oder noch nie gesehen hatte. Rehe, Waldkäuze, Füchse et al.












Sonntag, 18. Juni 2023

In der Rheinaue

 Die Abende sind gerade so wunderschön, gestern haben wir die ersten Glühwürmchen gesehen (leider kein Foto). Wind, feuchte Kühle aus den Wiesen, Heu- und Blütendüfte, Wellenschlagen des Flusses, wenn große Schiffe vorbei ziehen - diese Dinge lassen sich mit Bildern nicht einfangen.







Montag, 12. Juni 2023

Junisommer

 Der schwarze Tag neulich ging auch vorbei, es geht mir besser, die wunderschönen Junisommerabende am Rhein erfüllen mich mit Bildern und Düften und Wind auf meiner Haut. 

Im Hof sind neuerdings auch ein Eichelhäher (morgens um sieben) und ein Käuzchen (nachts), neben den üblichen Amseln, diversen Meisen, Grünfinken, Drosseln, Tauben und Buntspechten. Die Rotkehlchen lassen sich nicht mehr blicken seit dem Jungvogeldesaster. Ob Rotkehlchen wohl trauern? Vielleicht wenden sie sich einfach anderen Dingen zu, leben im Augenblick und für die unmittelbare Zukunft. 

Die Nächte sind wieder heiß, tropisch, wir werden unseren Sommervorhang für das Schlafzimmerfenster, bestehend aus einem grünen Bettlaken, aktivieren. 

Das Larachen frisst heute nicht, vielleicht ist es die Hitze. Noch zehn Tage bis zu den Sommerferien. 

Freitag, 9. Juni 2023

Ich wünschte...

 Mein Krebs ist nicht mehr heilbar. Mein Körper hat unter den Behandlungen gelitten und leidet noch. Meine Seele ist voller Trauer, Angst und Schmerz. Was ist zurzeit wichtiger,  den Blutdruck zu senken oder die Leberwerte? Wie schlimm ist es,  das Antihormon abzusetzen, um den Stoffwechsel nicht weiter zu belasten?  Magnesium hilft gegen die Muskelkrämpfe, Ingwer gegen die Übelkeit. Gegen den Krebs hilft nichts. 

Manchmal fühlt es sich nur an wie das Warten auf den nächsten Tumor. Ich weiß, dass ich das meiner psychischen Gesundheit und meiner Lebensqualität zuliebe stoppen muss, dieses Gefühl, diese Angst vor der Zukunft, von der doch niemand wissen kann, wie sie aussehen wird. Was zählt,  ist das Jetzt. Nur, wenn die Tränen fließen, ist gerade keine Zuversicht mehr da. Und meine Energie ist so begrenzt, dass ich die schönen Dinge oft nicht mehr schaffe und das macht mich fertig. 

Ich wünschte, ich könnte auf ein Wunder hoffen. 

Ich wünschte, ich könnte einfach die Zeit genießen, die ich habe. 

Ich wünschte, ich könnte mit meinem Krötlein steinalt werden, so, wie ich es immer gehofft und gedacht habe. 

Ich wünschte, meine Liebsten müssten dies nicht erleben. 

Samstag, 6. Mai 2023

Eine neue Zeit

 Am Donnerstag und Freitag habe ich mit der Immuntherapie begonnen, mit Sorge (wegen möglicher Nebenwirkungen) und Hoffnung (wegen neuer Chance). Nebenwirkungen sind bisher nicht aufgetreten, aber es ist eine Langzeittherapie, man weiß es  nicht. 

Eigentlich steht es fest, dass ich nicht mehr berufstätig sein kann und werde, trotzdem habe ich es noch nicht über mich gebracht, die Schulleitung zu informieren und mich um den Rentenantrag zu kümmern, ich schiebe es auf. 

Ich war in der alten Heimat, das Mütterlein besuchen, und wir waren offener zueinander als je zuvor. Auch vom Kröterich hatte ich bereits vorher als Gipfelpunkt eines Streits die größten Ängste erfahren. Es erleichtert und hat uns näher zusammengebracht. 



Mein liebes altes Terriermädchen hat die zweite Librelaspritze bekommen, sie hat noch schneller und besser gewirkt als die erste, ich bin sehr froh und dankbar darüber. 

Ansonsten bin ich mit meinem neuen Hollandrad gefahren und habe Dinge eingekauft und transportiert, ich habe meine eigene Wäsche gewaschen und getrocknet (zum ersten Mal seit ca. 30 Jahren), ich habe angefangen, mein Büro zu entrümpeln und neu zu gestalten. Vielleicht hat mein neues Leben ja schon begonnen, quasi ohne dass ich es bemerkt hätte. 


Freitag, 14. April 2023

Perfekter Tag

 Gestern war unser letzter Urlaubstag in Zeeland, und er war so traumhaft schön, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können. Das Wetter war sonnig und sehr windig, das Meer grünblau mit Schaumkronen, am Strand nur wenige sehr nette Hundeleute, das Gretchen lief und spielte, das 16-jährige Lärchen lief, rannte und hüpfte, wir alle vier haben es aus eigener Kraft bis zum Aloha Beach geschafft (!) und - er hatte noch auf und wir saßen auf der Terrasse und aßen Pommes und tranken Heineken mit 0 Prozent. Gretchen fühlte sich wie zuhause, hatte überhaupt keine Angst vor Menschen und Hunden und hat am Schluss sogar einem aufdringlichen Rüden richtig eingeheizt (endlich mal).

Auf dem Rückweg am Strand hatten wir einen wunderschönen Sonnenuntergang und rosa Wolken am Himmel. 

Vor sieben Tagen hatte ich nicht geglaubt, dass ich soweit gehen kann, dass das Lärchen soweit würde gehen können, dass wir tatsächlich im Aloha ankommen und dort auch noch reingelassen würden. 

Es war ein absolut perfekter Tag.